Über die Realität und Spiritualität der Linie

Die Malerin und Performance-Künstlerin Irmingard Beirle hat die in den beiden Jahrzehnten der frühen Nachkriegszeit schier unüberwindlichen Differenzen zwischen gegenständlicher und abstrakter Kunst nur mehr in der Theorie kennen gelernt. Für sie sind beide Richtungen gleichwertige Möglichkeiten für inhaltliche Aussagen und formale Gestaltungsweisen.
So war es in den Anfängen ihrer künstlerischen Entwicklung selbstverständlich und einer Jahrhundert alten Tradition entsprechend, sich an der Aktzeichnung zu schulen. Was sie damals in Ausdruck und Linienführung suchte und fand, zieht sich wie ein roter Faden durch die weitere Entfaltung ihres persönlichen Stils. In fortschreitender Abstrahierung des Naturvorbildes und mit der Konzentration auf die reine Farbensprache durchlief Irmingard Beirle schließlich eine Phase der absoluten Monochromie, bis sie darin – trotz hervorragender Ergebnisse – die drohende Gefahr einer Sackgasse erkannte und wieder zurück zur Zeichnung fand, zu den linearen und nur scheinbar abstrakten Elementen von realem und emotionalem Aussagewollen, welche sie auch in zeichnerischen Exerzitien neben der Ungegenständlichkeit immer wieder kultiviert hatte.
Die ehemals gepflegte körperliche Umrisslinie wird nun durch Abstrahierung zu deren spiritualisiertem Kürzel: vor einem monochromen Hintergrund vollzieht sich die Ausformung eines Psychogramms. Zusätzlich zur abstrakten Ausdrucksform treten figurative Elemente in Reproduktionen von Zeitungsausschnitten als spannende Synthese von Abstraktion und Gegenständlichkeit.
Die derzeitige Sensibilisierung der Malerei von Irmingard Beirle durch eine handschriftlich geprägte Linienführung ist das Resultat eines ihrer künstlerischen Reife entsprechenden Brückenschlages zurück zu den Anfängen ihres bildnerischen Lebensweges. Dass dazu auch die (lineare!) Choreographie ihrer meditativen Performances als räumliche Erweiterung hinzutrat, ist nur der Beweis für die Vielfalt und Ausdruckskraft der Linie an sich.

                                                                                                       Prof. Dr. Maria Buchsbaum